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Hamburg,
Weltbühne
American Country Workshop
17.02.2005
Hamburgs Working Class People treffen sich an diesem Abend zum Country
Workshop mit Jason Ringenberg (Ex Jason & The Scorchers) in der plüschigen
Weltbühne. Workshop? Nun, das Publikum, so könnte man glauben,
setzt sich zu gleichen Teilen aus Lehrerkollegien und Sozialpädagogen
zusammen. Karohemden von C&A und H&M-Strickpullis machen einen
guten Teil aus, ein wenig Rockabilly hier, eine kleine Abteilung Musikerpolizei
dort.
Vor Ringenberg stehen die Hamburger Eastern Ring mit Byrds-lastigem auf
der kleinen Bühne. Eigentlich ist man zu fünft, hat aber heute
die abgespeckte Duo-Variante gewählt. Unaufgeregt und leider die
Ansagen viel zu leise, ist das bestenfalls Zeitvertreib am Rande. In Punkto
Bühnenpräsenz füllen sie die brave, ruhige Gastrolle aus.
"Hey Jason!" verschafft sich eine überschlagende Frauenstimme
nach kurzem Umbau Gehör. Mister Ringenberg zeigt sich noch very amused.
Als selbiges Cowgirl ihm später auf der Bühne ein Ständchen
singen will, ihr dabei aber nach ein paar Momenten die Stimme versagt,
reicht es gerade noch für ein ungewollt komisches "Maybe next
time
!" Wir lernen: der Mann ist Familienvater.
Alles andere als brav und recht weit entfernt von ländlicher Idylle
sind Ringenbergs Songs vom aktuellen Album "Empire Builders".
Schnell lässt er sich von der bereitgestellten Bismarck-Seltersflasche
zu Weltkriegsassoziationen hinreißen und beginnt sogleich seine
Betrachtungen zur amerikanischen Geschichte. "White Boots Marching
in a Yellow Land" kommt als Hommage an den erfolglosen und im Selbstmord
geendeten Songschreiber Phil Ochs. Den hatte Ringenberg sich als Fixpunkt
auserwählt, als eine vergangene Welt um ihn herum nur Ohren für
Nazareth, Boston und Kiss hatte. Meist sind es ruhige, subtile Töne,
die der selbsternannte Cow-Punker heute anschlägt. Doch zwischendurch
bricht es, wie im Scorchers-Kracher "Shop It Around", stampfend,
was die Bühnenbretter unter den mächtigen Cowboystiefeln aushalten,
aus ihm heraus.
Einen Seitenhieb auf den früheren Weggefährten Michael Stipe
("Thanks to R.E.M. for opening up this evening!") kann er sich
nicht verkneifen. Am selben Abend spielen die nur wenige Kilometer weiter
in der Betonschüssel. Als Gruß gibts Hot Nights
in Georgia, inklusive einiger Zeilen aus "It's the end of the
World as we know it". So, we feel fine, Jason! Derart aufgedreht
geht es durch das schmissige Merle Heggard-Cover "Rainbow Stew",
den "Farmer Jason"-Kinderspaß "The Tractor goes Chug
Chug Chug" zur nachdenkenswerten Geschichte farbiger Piloten, die
als Kanonenfutter im World War Two eingesetzt wurden ("Tuskogee Pride").
Dazu eindeutiges zur Südstaatenfahne ("Rebel Flag in Germany")
bis hin zu der angeblich wahren Geschichte einer gealterten Schwedin,
die ihn dereinst mit dem nachdrücklichen Wunsch ("Jason, play
me a birthday song!") nach einem Carpenters Stück fast in die
Flucht schlug. Natürlich gibt es "Top of the World" sogleich
im eigenen Gewand. Einen kurzen Ausflug dann auf den Tresen, einen Tanz
durchs Publikum und zum glücklichen Ende noch das Ramones-Cover
"I Wanna Be Sedated" als Rausschmeißer.
Und der Workshop? Ringenberg verwebt seine amerikanische Geschichtsstunde
mit einer Zeitreise durch die eigene Musikkultur. Das ist kurzweilig und
macht Spaß zu verstehen. Dass der Mann im goldenen Gewand dabei
für keinen Moment wie Herr Oberlehrer wirkt und sich sichtlich wohlfühlt,
ein dankbares Hamburger Publikum zu erfreuen, macht Ringenberg zum absoluten
Sympathen. Als er nach dem Konzert noch einen offenbar alten Bekannten
am Tresen begrüßt, kann jener eine gewisse Ähnlichkeit
mit R.E.M.-Mann Peter Buck nicht verhehlen. Doch wäre das an diesem
Abend schon fast ein wenig zu viel des Guten gewesen
aber wer weiß
das schon so genau?
Michael Kellenbenz
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